Im dritten Hinterhof, Kastanienallee — eine Geschichte von Werkstätten
Drei Werkstätten teilen sich einen Hinterhof, in dem die Sonne erst nach zwei Uhr nachmittags ankommt. Über Leder, Klaviersaiten und Goldlegierungen — und über die Miete, die alle gemeinsam haben.
Die Adresse, die ich hier nicht nenne, weil die drei Werkstätten dort kein Interesse an Publikum haben — sagen wir, irgendwo zwischen Eberswalder Straße und Schönhauser Allee, auf der östlichen Seite der Kastanienallee, in einem Haus, dessen Stuck im zweiten Stock noch original ist. Vier Hinterhöfe, hintereinander, durch immer engere Tore verbunden. Der vierte ist eigentlich kein Hof mehr, sondern ein Lichtschacht mit einem Müllraum. Der erste ist sauber, mit Fahrradständern und neonweißem LED-Licht. Der zweite hat schon Stuck-Abbruchstellen an den Wänden. Der dritte ist der mit den Werkstätten.
Wer den Eingang zum dritten Hof findet, ist schon weit gekommen. Er liegt rechts hinten, neben einer Mülltonne, durch ein zweiflügeliges Holztor, das ungefähr aus den 1920er Jahren stammt und seitdem nicht ersetzt wurde. An der linken Tür hängt ein handgeschriebenes Schild: „Bitte Tor schließen — die Katzen!” Es gibt tatsächlich zwei Katzen, eine schwarz-weiße und eine grau getigerte, die offenbar beiden Werkstätten gehören und keiner.
Vier Türen, drei Werkstätten, eine Frage
Im dritten Hof sind vier Türen. Eine führt in einen Lagerraum, der seit drei Jahren leersteht — die Hausverwaltung sucht angeblich Mieter:innen, hat den Preis aber nicht angepasst. Die anderen drei führen jeweils in eine Werkstatt.
Links: die Lederwerkstatt von Mirjam K., 47, gelernte Sattlerin, in Berlin seit 2007. Sie macht Maßanfertigungen — Taschen, Gürtel, Brieftaschen, gelegentlich Reitsattel-Reparaturen für Kund:innen aus Brandenburg. Ihr Werkstattraum ist vielleicht 22 Quadratmeter, hat ein Fenster zum Hof, einen großen Arbeitstisch in der Mitte, eine alte Pfaff-Industrienähmaschine an der Wand, und drei Regale mit Lederrollen in verschiedenen Brauntönen.
In der Mitte: die Klavierstimmer-Werkstatt von Tomáš H., 61, gebürtig aus Brno, seit 1994 in Berlin. Er stimmt Klaviere bei Kund:innen zu Hause, repariert aber auch in seiner Werkstatt — Resonanzböden, Mechaniken, manchmal komplette Restaurierungen alter Bechstein- oder Blüthner-Flügel. Sein Raum ist der größte der drei, weil er Platz für einen halben Flügel braucht. Es steht meistens einer da, mit abgenommener Klaviatur, und der Geruch von Maschinenöl und Filz ist sofort präsent, wenn die Tür aufgeht.
Rechts: die Goldschmiedin Vera L., 38, in Berlin geboren, in München ausgebildet, seit 2018 hier in eigener Werkstatt. Sie macht hauptsächlich Trauringe und Anhänger nach Kundenwunsch, gelegentlich Schmuck-Restaurierungen. Ihr Raum ist klein, vielleicht 14 Quadratmeter, dafür mit einer Werkbank, die nach Industriestandard eingerichtet ist: drei Punzen-Reihen, ein Walzwerk, ein kleiner Schmelzofen, eine Absauganlage über dem Lötplatz.
Wie lange schon
Mirjam ist die Längste. Sie hat die Werkstatt im Sommer 2009 von einem Schustermeister übernommen, der in Rente ging. Damals stand der Hof anders aus: die Wände bröckelten stärker, der Boden war noch das alte Kopfsteinpflaster (heute ist es gegossener Beton, eine Sanierung von 2014), und in der Werkstatt, die heute Tomáš gehört, war noch eine Sattlerei, in der ein älterer Mann zwei Tage pro Woche arbeitete. Mirjam hat den Mietvertrag von 2009 bis heute durchgezogen — seine Höhe sage ich nicht, aber sie ist nach Berliner Maßstäben für Gewerberäume in Prenzlauer Berg unerklärlich niedrig, weil der Vermieter eine alte Hausverwaltung ist, die nie ein KaufInteresse hatte und nicht modernisiert.
Tomáš ist seit 2013 da. Er hatte vorher eine Werkstatt in Friedrichshain, an einer Adresse in der Boxhagener Straße, die nach einem Eigentümerwechsel auf das Doppelte angehoben wurde. Er ist hierher umgezogen, weil ein Bekannter — Jazzpianist, lebte im Vorderhaus — ihm den Tipp gegeben hatte. Die Mietsumme war damals vergleichbar mit der Boxhagener; heute zahlt er ungefähr die Hälfte dessen, was in der Boxhagener inzwischen verlangt wird.
Vera ist die Neueste. Sie hat die Werkstatt im Frühjahr 2018 übernommen, nachdem die Vorgängerin — eine Buchbinderin, die in den Schwarzwald gezogen ist — sie aufgegeben hatte. Vera erzählt, dass sie damals zwei Wochen lang täglich zur Hausverwaltung gegangen ist, weil drei andere Bewerber:innen vor ihr in der Schlange standen. Sie hat den Zuschlag bekommen, weil sie ein dreijähriges Konzept vorgelegt hat — schriftlich, mit Finanzplan. „Berliner Hausverwaltungen lieben Konzepte”, sagt sie. „Das wirkt erwachsen.”
Die Miete
Die Frage, die alle drei verbindet, ist die Frage nach der Miete. Sie reden nicht offen über Zahlen, untereinander schon. Was sich rekonstruieren lässt: ungefähr zehn bis vierzehn Euro pro Quadratmeter, kalt. Das ist, ich wiederhole es, für Prenzlauer Berg eine Anomalie. Vergleichbare Räume in der Husemannstraße werden für das Doppelte angeboten. Vergleichbare Räume in der Schönhauser zwischen Senefelderplatz und Eberswalder erzielen das Dreifache.
Warum? Weil die Hausverwaltung — eine Privatfirma, deren Inhaber inzwischen Mitte siebzig sein muss — den Hof als Erbe verwaltet und nicht als Investitionsobjekt. Es gibt Gerüchte, dass das Haus in den nächsten Jahren verkauft werden soll. Mirjam zuckt mit den Achseln, wenn man sie darauf anspricht: „Mache ich mir keine Gedanken. Wenn es passiert, passiert es. Bis dahin arbeite ich.”
Das ist die Berliner Variante der ökonomischen Vernunft: ein lakonisches Achselzucken, das sowohl Optimismus als auch Resignation enthält.
Der Werktag
Eine typische Woche bei Mirjam beginnt am Dienstag, weil sie montags zwei Kinder zur Schule bringt und vor zehn nicht in der Werkstatt sein kann. Sie arbeitet bis sieben Uhr abends, mit einer Mittagspause am Hoftisch, an dem sich oft alle drei treffen. Im Sommer steht der Tisch draußen, im Winter drinnen in Mirjams Werkstatt. Es gibt Kaffee aus einer alten Bialetti, mitgebrachtes Brot, manchmal Suppe.
Tomáš ist viel unterwegs. Er hat ein altes Volvo-Kombi-Auto, mit dem er zu seinen Kund:innen fährt — Berliner Konservatorium, eine Reihe von Privathaushalten in Charlottenburg, einige Schulen in Lichtenberg. In der Werkstatt selbst ist er an drei Tagen pro Woche, meist Donnerstag, Freitag, Samstag, oft bis spät abends, weil er die ruhigen Stunden für die feinen Stimmungen braucht. „Klaviere müssen nachts gestimmt werden”, sagt er. „Tagsüber hörst du den Hof, die Heizung, die Straße. Nachts hörst du das Klavier.”
Vera arbeitet am regelmäßigsten — Mittwoch bis Samstag, von zehn bis sieben. Sie nimmt keine Aufträge mehr an, die sie nicht innerhalb von acht Wochen erledigen kann, weil ihre Liste so lang ist. Ein Trauring-Paar kostet bei ihr zwischen 1.400 und 2.800 Euro, je nach Material; sie macht ungefähr vierzig Paare pro Jahr und dazu vielleicht zwanzig Anhänger. Der Umsatz reicht für die Werkstatt, für das eigene Leben, für eine bescheidene Rücklage. Sie verdient weniger als eine Angestellte in ihrer Branche, sagt sie, aber sie verdient an dem, was sie selbst entscheidet.
Was sie verbindet, was sie trennt
Verbinden tut die drei vor allem die räumliche Nähe und die geteilte ökonomische Lage. Sie haben keine offizielle Genossenschaft, keine gemeinsame Marke, keine geteilte Webseite. Aber sie nutzen denselben Hoftisch, sie kennen die Postzustellung untereinander, sie unterschreiben einander Pakete an, sie haben einen WhatsApp-Chat mit drei Personen für Notfälle. Wenn der Wasserhahn im Hof tropft, ruft Mirjam an. Wenn die Tür zum Vorderhaus klemmt, schreibt Tomáš in den Chat. Wenn die Hausverwaltung mal wieder eine Pauschalanmahnung für irgendetwas Vergessenes schickt, lachen sie gemeinsam beim Kaffee.
Was sie trennt, ist die Außenkommunikation. Mirjam macht keine Webseite, hat aber eine Instagram-Seite mit 3.400 Follower:innen, die ihre Aufträge in zwei Wochen ausverkauft. Tomáš hat eine simple Webseite mit Telefonnummer und nimmt fast nur Empfehlungen. Vera hat eine professionelle Webseite, einen Newsletter, einen Kalender, in dem Termine gebucht werden — sie kommt aus einer jüngeren Generation und behandelt das Geschäft administrativ anders.
Was bleibt
Wer im Sommer im dritten Hinterhof sitzt, gegen sechs Uhr abends, wenn die Sonne im Mai mit etwas Glück noch fünf Minuten über das Vorderhaus hinaus reicht, hört aus Mirjams Werkstatt das Schlagen des Punzhammers, aus Tomáš’ Werkstatt einen einzelnen Klavierton, wiederholt, drei-, viermal in unterschiedlichen Stimmungen, und aus Veras Werkstatt das Surren der Walzwerks-Kurbel. Die Katze sitzt auf einem alten Eisenstuhl. Im Vorderhaus klingelt jemand fern an einer Wohnungstür.
Es ist kein nostalgisches Bild, weil es immer noch funktioniert. Solange diese drei zahlen, was sie zahlen, solange die Hausverwaltung das Haus hält, wird der Hof weiterhin so klingen. Das ist keine Folklore, das ist eine Berliner Mikroökonomie, die existiert, weil bisher niemand den Druck erhöht hat. Ein Hofbesuch lehrt einen, dass die Stadt sich nicht überall transformiert hat — sie hat nur die Eingänge dazu schwieriger gemacht.
Ich verlasse den Hof gegen sieben, gehe durch den zweiten und ersten Hof zurück, schließe das Tor — die Katzen — und stehe wieder in der Kastanienallee, wo zwei Lastenfahrräder eilig vorbeifahren. Niemand würde von der Straße aus auf den dritten Hof schließen. Das ist sein Geheimnis. Das ist seine Sicherheit.