Eine Nacht in der N9 — Soziologie eines Berliner Nachtbusses
Pankow Kirche bis Rathaus Steglitz, einmal hin, einmal zurück, ganze Nacht. Eine Linie als Querschnitt. Wer fährt um drei Uhr morgens durch die Stadt — und wohin und warum.
Der Nachtbus N9 fährt eine Strecke, die niemand entworfen hat, um schön zu sein. Pankow Kirche, dann ostwärts, dann durch die Stadt nach Wedding, Tiergarten, Schöneberg, Friedenau, Steglitz. Eine Linie, die im Westen früher U-Bahn-Linie war, dann Bus, dann Nachtbus. Sie fährt von 22:00 Uhr bis 5:30 Uhr im 30-Minuten-Takt, und sie ist eine der längsten Berliner Nachtbusverbindungen — knapp zwei Stunden für eine komplette Fahrt.
Ich entscheide mich, eine ganze Nacht in ihr zu verbringen. Steige um 22:14 in Pankow Kirche ein, fahre durch bis Rathaus Steglitz, steige aus, gehe einmal um den Block, steige in die Gegenrichtung ein, fahre wieder bis Pankow. Sechs komplette Fahrten. 5:42, der erste Tagesbus übernimmt.
22:14 — Pankow Kirche
Der Bus ist halbvoll. Die ersten dreißig Minuten sind noch keine Nachtbusfahrt im klassischen Sinn — das ist die Spätschicht-Klientel: Personen, die von der Arbeit heimkommen, die zur Spätschicht müssen, Krankenhauspersonal aus dem Klinikum nördlich von Pankow, ein paar Studierende mit Rucksäcken.
Eine Frau, vielleicht 40, sitzt mir gegenüber und liest auf ihrem Handy. Sie hat einen Gesundheitsdienst-Ausweis um den Hals, das Foto ist abgewetzt — sie trägt ihn schon länger. Sie schaut nicht auf, bis wir die Schönhauser Allee überqueren, dann steigt sie an einer Haltestelle aus, wo sie sich mit einer anderen Frau in einer ähnlichen Uniform trifft. Sie gehen zusammen weiter.
Der Bus hat einen Geruch, der mit der Tageszeit korreliert. Um diese Stunde riecht er nach kaltem Plastik, ein wenig nach Reinigungsmittel, gelegentlich nach dem Parfüm der Pendler:innen. Später wird sich das ändern.
23:42 — Hauptbahnhof
Die zweite Halbstunde ist die Mischzone. Der Bus füllt sich an der Charité, leert sich am Hauptbahnhof — Fernreisende, die zum Berliner Hauptbahnhof müssen, manche mit Koffern, manche mit Rucksäcken, eine ältere Dame mit einem Korb. Am Hauptbahnhof bleibt der Bus für vier Minuten stehen, weil der Busfahrer eine kurze Pause macht. Er steigt aus, lehnt sich an die Haltestelle, raucht eine Zigarette.
Er ist Mitte fünfzig, kräftig, trägt die BVG-Uniform mit aufgekrempelten Ärmeln. Ich werde ihn später in der Nacht noch sehen — er fährt die Hin- und Rückrunde, dann wechselt das Personal. Auf meine Frage, ob ich kurz mit ihm reden dürfe (ich bin ehrlich, ich bin Reporter), sagt er: „Klar, aber kein Bild, kein Name.” Ich nicke. Er sagt: „Die N9 ist eine ruhige Linie. Die schlimme Linie ist die N1. Da bist du froh, wenn die Nacht rum ist.” Er steigt wieder ein, der Bus fährt weiter.
00:48 — Wittenbergplatz
Die Mitternachtsstunde verändert die Klientel. Jetzt sind die ersten Ausgehenden in den Bus eingestiegen — junge Leute auf dem Weg zu Clubs in Schöneberg, eine Gruppe vom KaDeWe-Bereich Richtung Charlottenburg, ein Pärchen, das offensichtlich aus dem Restaurant kommt. Der Bus ist halbvoll. Es wird leise gesprochen, aber gesprochen.
Ein junger Mann, vielleicht 24, sitzt allein auf der hinteren Bank und telefoniert auf Polnisch. Er hat einen großen Rucksack zwischen den Beinen, vielleicht ein Tourist, vielleicht ein Pendler aus Polen, der in Berlin arbeitet. Sein Telefonat dauert die ganze Strecke von Wittenbergplatz bis Friedenau. Ich verstehe kein Polnisch, aber ich höre die Stimmlage — er erklärt etwas ausführlich, eindringlich, vielleicht eine Familienangelegenheit. Bei Friedenau steigt er aus, ohne aufzulegen.
Eine Frau Mitte sechzig steigt an Innsbrucker Platz ein, mit zwei großen Einkaufstüten. Sie kommt offenbar von einem Spätkauf, ich sehe Bierdosen aus der Tüte ragen. Sie setzt sich, atmet hörbar aus, sagt zur jüngeren Frau neben sich: „Heute war wieder ein langer Tag.” Die jüngere Frau nickt höflich, aber distanziert. Berliner Etikette: man redet, wenn etwas Konkretes anliegt, sonst lässt man.
01:33 — Rathaus Steglitz, Endhaltestelle
Aussteigen, zwei Häuserblocks gehen, an einer Tankstelle ein Sandwich kaufen, in den Gegenbus einsteigen. Der Bus ist fast leer — nur drei Personen, alle schlafen.
Eine von ihnen ist ein Mann Mitte dreißig, in einem dunklen Anzug, der wirkt, als käme er gerade von einem geschäftlichen Termin. Sein Kopf ist gegen die Scheibe gelehnt, seine Krawatte hat sich gelockert. Er schläft tief, das Telefon liegt auf seinem Schoß. Eine Frau, vielleicht zwanzig, schläft in der Mitte des Busses, sie hat ihre Schuhe ausgezogen und die Füße auf den Sitz vor ihr gelegt. Eine ältere Frau schläft hinten, mit einer Decke aus der Tasche.
Drei verschiedene Schlafarten in einem Bus, das ist die Berliner Nacht. Jeder fährt nicht heim, sondern ist zwischen einem Ort und dem nächsten.
02:20 — Innsbrucker Platz, Rückfahrt
Die zweite Hälfte der Nacht wird voller. Jetzt sind die Clubgänger:innen unterwegs. Zwischen zwei und vier ist der Nachtbus die Hauptverkehrsader für die Heimkehr aus den Schöneberger und Tempelhofer Clubs. Der Bus füllt sich an Innsbrucker Platz, an Bayerischer Platz, an Wittenbergplatz, am Nollendorfplatz.
Es wird gesprochen, aber nicht laut. Ein Gespräch, das ich mithöre — fünf Sitzreihen entfernt, mitteldeutscher Akzent: „…und dann meinte er, ich sei zu früh gegangen, dabei war es schon halb drei…” Die andere Stimme, leiser: „…lass ihn, der ist immer so.” Beide lachen kurz.
Ein anderes Gespräch, näher an mir: zwei junge Männer auf Englisch, einer Australier, einer Brite, sie reden über Wohnungssuche in Berlin. Der Australier ist seit drei Monaten hier, sucht noch. Der Brite ist seit zwei Jahren da, hat eine Wohnung in Wedding. „Mate, you just gotta be patient”, sagt der Brite. „Berlin gives you nothing for free.”
03:15 — Tiergarten-Süd
In der Mitte der Tour, zwischen drei und vier, kommt die seltsamste Stunde. Es ist die Stunde, in der die Clubs noch nicht zumachen, die meisten Heimkehrer:innen schon zuhause sind, und der Bus oft fast leer ist. Drei oder vier Personen pro Tour. Manchmal nur eine.
Die Stille ist hörbar. Der Bus quietscht beim Bremsen, der Motor läuft auf bei jedem Anfahren, die Anzeige sagt: „Nächste Haltestelle: Nollendorfplatz”, in einer Stimme, die nach Synthese klingt. Die LED-Leuchten im Innenraum flackern leicht, eine in der Mitte ist defekt und blinkt unregelmäßig.
Ein Mann, vielleicht fünfzig, sitzt vorne neben dem Fahrer (es ist inzwischen ein anderer Fahrer; der erste hat in Pankow abgegeben). Sie reden über Fußball — Hertha gegen Union, der letzte Heimsieg. Der Fahrer sagt: „Die Olympiabahn-Atmosphäre, da ist schon was anderes.” Der Mann nickt. „Ja, aber Köpenick, das ist Hertha auch nicht.” Es ist die typische Berliner Fußball-Konversation. Beide klingen, als hätten sie diese Debatte schon hundertmal geführt.
04:02 — Wedding
Ein Mann steigt mit einem Fahrrad ein. Das ist im Nachtbus erlaubt, weil das BVG die Fahrradmitnahme nachts gelockert hat. Er stellt das Rad in die mittlere Aussparung, hält es fest mit einer Hand, schaut aus dem Fenster.
Er ist vielleicht 40, dünn, trägt eine Kapuzenjacke. Er sagt nichts während der zwanzig Minuten, in denen er im Bus ist. An der Pankstraße steigt er aus, schiebt das Rad raus, schwingt sich drauf, fährt in eine Seitenstraße. Was er macht, weiß ich nicht. Heimweg? Schichtarbeit? Eine Person, die ich nicht zuordnen kann.
Das ist das Wesentliche am Nachtbus: man kann die Mitfahrer:innen nicht zuordnen. Tagsüber gibt es ein Schema — Schüler, Pendler, Tourist, Rentnerin. Nachts ist das Schema durcheinander. Wer um vier Uhr morgens im Bus sitzt, kann alles sein, und meistens ist es eine Kombination aus Erschöpfung, Notwendigkeit und Geldknappheit (wer ein Taxi zahlen kann, sitzt nicht im N9).
04:55 — Schönhauser Allee
Letzte halbe Stunde. Die Anzahl der Mitfahrer:innen nimmt wieder zu — jetzt sind es Frühschichtler:innen. Eine Frau in Reinigungsdienst-Uniform, ein Mann in Bauarbeiter:innenhose, eine ältere Dame, die offenbar zur Frühmesse in eine Kirche an der Greifenhagener will (es ist ein Mittwoch, aber sie hat einen Rosenkranz in der Hand).
Eine junge Frau, vielleicht 28, in einer Krankenpflegerin-Uniform, sitzt mir gegenüber. Sie hat eine Tasche mit zwei großen Thermoskannen — vermutlich Kaffee für die Station. Sie schaut auf ihr Handy, scrollt durch Nachrichten, dann legt sie das Handy weg und schließt fünf Minuten lang die Augen. Sie schläft nicht, sie ruht. Bei Vinetastraße steigt sie aus, mit zügigem Schritt — die Schicht beginnt offenbar um sechs.
05:42 — Pankow Kirche
Sechs vollständige Fahrten. Etwa acht Stunden. Ungefähr 280 Personen, die ich mit dem Bus geteilt habe.
Was die Linie sichtbar macht: Berlin ist nachts in seiner langgezogenen Form eine andere Stadt. Die Bezirke, die tagsüber durch eine Art Mittelbauertum kulturell zusammengehalten werden — Steglitz und Pankow sind eigentlich grundverschieden, aber im Nachtbus werden sie über die Bedürfnis-Logik („wer muss um diese Uhrzeit wohin?”) miteinander verbunden — verschmelzen in eine einzige Linie, auf der die Hierarchien zwischen West und Ost, zwischen reich und arm, zwischen Schichtarbeit und Clubnacht aufgehoben sind.
Das ist nicht romantisch zu lesen. Es ist eine Folge der BVG-Logik: Nachtbusse fahren da, wo Bus- und U-Bahn-Linien zusammengefasst wurden, weil sich anders die Strecken nicht lohnen. Die N9 ersetzt nachts die U9, die zwischen Rathaus Steglitz und Osloer Straße verkehrt, plus eine Verlängerung nach Pankow, die früher mit der Straßenbahn 50 gemacht wurde. Es ist eine Sparmaßnahme, in die sich eine soziale Form gegossen hat.
Ich steige in Pankow aus. Der Bahnhof Pankow ist schon offen, die ersten S-Bahnen kommen, die Bäckerei gegenüber dem Bahnhof öffnet gerade. Ein Mann öffnet die Rollläden, ein anderer trägt die ersten Kästen aus dem Lieferwagen.
Es ist sechs Uhr, und Berlin ist nicht aufgewacht — es war nie eingeschlafen.